Eine (Alp-) Traumgeschichte
Heute morgen bin ich, wie so oft in letzter Zeit, auf der A10 nach Berlin unterwegs. In 1 Stunde habe ich einen Termin in Weißensee. Seitdem die Autobahn bis Mühlenbeck mit 3 Fahrspuren je Richtung ausgebaut ist, geht die Fahrt noch schneller. 180, 200 wären auf der breiten Schneise kein Problem. Die Straße ist frei. Das Verkehrsaufkommen hat sich nach dem Ausbau nicht wesentlich erhöht, jedoch ist alles viel schneller und lauter geworden. Irgendwie hat man ein schlechtes Gewissen, besonders beim Anblick der riesigen, kilometerlangen Lärmschutzwände. Früher konnte man hier noch einige Blicke von Wiesen und Wäldern erhaschen....
Aber so weit komme ich heute nicht. Kurz vor dem Dreieck Oranienburg leuchtet mir ein Meer von Warnblinkern entgegen Stau. Das kommt in letzter Zeit öfters vor. Vermutlich hat es irgendwo zwischen Dreieck Oranienburg und Birkenwerder wieder einmal gekracht. Vollsperrung. Der Verkehr wird über die A111 Richtung Berlin abgeleitet. Zum Glück werden manche denken. Lieber etwas Zeit auf einer Umgehung verlieren, als stundenlang im Stau festsitzen. Ich weiß es aber leider besser:
Am Autobahnanschluss Hennigsdorf/Velten geht es auf die L171. Die Straße wurde erst vor einigen Jahren völlig neu gebaut. Einfach so, durch Wiesen und Wälder, über die Havel, durch Hohen Neuendorf, durch das Herthamoor, an Bergfelde vorbei bis zur B96a. Viele Anwohner wehrten sich damals dagegen und wollten das fragwürdige Projekt verhindern. Aber die Landesplaner aus Potsdam setzten sich durch.
Die neue L171 ist breit, schwarz und lädt zu zügiger, entspannter Fahrt ein. Erst geht es durch einen schönen Kiefernwald, danach auf der neuen Brücke über die Havel. Naja, ob die Brücke ein Meisterwerk der Baukunst ist und sich angeblich sehr gut in die Landschaft einfügt, kann man während der Fahrt nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass der Bau doppelt so teuer wurde, wie von Potsdam aus damals geplant. Weitere Steuergelder mussten her, koste es, was es wolle. Einmal begonnen, sollte die Brücke unbedingt fertig gestellt werden.
Weiter geht es durch die Havelwiesen. Für die Frösche und das andere Feuchtwiesengetier wurden aufwendige Röhren unter der Straße eingebuddelt. Leider konnten bisher nur selten Mutige beobachtet werden, die sich durch die langen dunklen Röhren unter der lärmenden Straße hindurch auf die andere Seite wagten. Nun kommt Hohen Neuendorf in Sicht. Früher konnte man von hier aus die Silhouetten der vielen Einfamilienhäuser der Niederheide erkennen. Jetzt können dies nur noch Einheimische erahnen. Die heutige Silhouette ist ca. 500m lang und 4m hoch eine Schallschutzwand.
Hier in der Stolper Heide waren wir früher oft mit unseren Kindern unterwegs. Im Sommer mit den Rädern, im Winter mit dem Schlitten. Ich erinnere mich noch genau an einen wunderschönen, sonnigen Sonntagnachmittag entlang der frisch verschneiten Kastanienallee. Die alten knorrigen Bäume wirkten wie liebevolle Riesen, die ihre Besucher beschützen. Leider wurden die Riesen nicht beschützt. Nur noch wenige sind am Leben. Die meisten von ihnen standen der neuen Straße im Weg. Ich muss mein Tempo verlangsamen. Der große Kreisverkehr am Ortseingang von Hohen Neuendorf liegt vor mir. Die Stiefmütterchen in der Mitte machen ihn auch nicht gerade freundlicher.
Ich biege in die Stolper Straße ein. Die Straße sieht leer aus. Und damit meine ich nicht den Verkehr. Der rollt hier scheinbar nie ermüdend von früh bis spät. Es sind die Straßenränder. Die vielen alten Straßenbäume sind verschwunden. Ihre Nachfolger stehen dünn und schlacksig an der Seite. Da, wo Bäume stehen dürfen, bei einer ordentlichen Straße. Bis heute frage ich mich, warum die schönen Kugelahorn keine geeigneten Straßenbäume sind. Schade, dass man ungeeignete Politiker nicht auch so einfach austauschen kann.
Der Lärm ist hier seit Fertigstellung der L171 ständig gestiegen. Nun ist es auch nachts nicht mehr ruhig, denn die LKWs nutzen die mautfreie Strecke nach Berlin. Als wir noch selbst in der Stolper Straße wohnten, erzählten uns die Älteren, dass man die Straße zur Zeit der Mauer nur mit einem Passierschein überqueren durfte. Die südliche Seite der Straße war bereits Grenzgebiet. Heute sind es die vielen LKW, die ein Überqueren der Straße fast unmöglich machen. Vor 7 Jahren hatten wir uns im Grünen I-Punkt von Berlin ein neues zu Hause gesucht. Stolz, zufrieden und glücklich wurden wir hier heimisch. Aber was nützt ein schönes Haus, nette Nachbarn und ein morgendlicher Hahnenruf, wenn man plötzlich gezwungen wird, an einer Ortsumgehung mitten durch den Ort zu wohnen. Das war dann doch nicht unsere Vorstellung von Lebensqualität in Stadtnähe. Traurigen Herzens sind wir weggezogen....
Ich kann meinen Gedanken nachhängen, denn es geht nur sehr langsam voran. Wie fast immer ab etwa Höhe Scharfschwerdtstraße. Der Kreisverkehr am Ende der Stolper Straße ist wieder einmal völlig überlastet. Eigentlich logisch: Der Berufsverkehr aus Berlin auf der B96, aus Richtung Stolpe und von der neuen L171 treffen sich hier. Die Autos von der Berliner Straße fallen da kaum noch ins Gewicht. Bei der Planung und beim Bau der L171 wurden solche Nadelöhre mal eben übersehen. Endlich habe ich es geschafft und biege in die Parkstraße ein. Etwas zügiger geht es nun voran in Richtung Bergfelde auf dem ehemaligen Mauerstreifen entlang. Ein geschickter Schachzug der Planer: Hier wuchs fast 40 Jahre lang nichts. Dann kann man jetzt auch mit einer breiten, schwarzen Asphaltpiste den Boden versiegeln. Wenn man das früher gewusst hätte, dann hätte man die Mauer stehen lassen können, und so die vielen Tausend Euro für die nicht weniger hässliche Lärmschutzwand sparen können.
Bald habe ich es geschafft und ich kann auf der alten B96a in Richtung Berlin fahren. Nur noch durch die Bieselheide und das Herthamoor, oder das was davon übrig geblieben ist. Fast 10.000 Jahre war das Moor alt. Auch die Nutzung als Grenzstreifen hat es irgendwie überstanden und konnte sich erholen. Nun ist es in wenigen Jahren durch Menschenhand vernichtet worden. Was die Waldjugend hier in jahrelanger mühevoller Arbeit geleistet hat, wurde einfach platt gemacht. Sogar eine 500 (!) Jahre alte Eiche fiel dem irrsinnigen Straßenprojekt zum Opfer. Die Gegend soll früher einmal eine der ruhigsten im nördlichen Umland Berlins gewesen sein. Wer es vor dem Straßenbau nicht selbst erleben durfte, kann es sich wahrscheinlich nicht mehr vorstellen.
Zu meinem Termin werden ich wohl kaum noch pünktlich sein. Vermutlich wird es in Schönfließ und Schildow nochmals nur schleppend voran gehen...
Plötzlich mache ich die Augen auf und schaue auf den Wecker. Es ist 4.00 Uhr morgens, ich habe einen trockenen Hals und irgendwie ist mir schlecht. Ich gehe in die Küche, nehme mir ein Glas Wasser und schaue auf den Kalender:
(Autor: Mirko Steglich)
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| [www.Herthamoor.de] Infos zum geplanten Bau einer Landesstraße L171 durchs Moor. |