In den Montagehallen des Bombardier-Schienenfahrzeugwerks in Hennigsdorf (Oberhavel) ist die Stimmung trotz voller Auftragsbücher schlecht. Zwischen Weihnachten und Neujahr hatten gut 1200 Beschäftigte Post von der Unternehmensleitung bekommen. In dem Einschreiben wurden sie darüber informiert, dass es zum 1. Januar Veränderungen bei der Arbeitszeitregelung gibt. Zumindest für einen Großteil der Belegschaft, dem die Wochenarbeitszeit von 36 auf 38 Stunden ohne Lohnausgleich erhöht wird.
Betroffen sind rund 600 Beschäftigte, die schon vor 1995 im Werk Hennigsdorf gearbeitet haben. Aber auch rund 500 danach neu Eingestellte, in deren Arbeitsvertrag die 36-Stunden-Woche festgeschrieben ist, will das Unternehmen zu längerer Arbeitszeit verdonnern. Ausgenommen sind nur 120 Leute, die 1995 aus dem damals geschlossenen AEG-Werk in der Berliner Nonnendammallee nach Hennigsdorf wechselten. Sie hatten dort bereits eine Wochenarbeitszeit von 36 Stunden.
Betriebsrat und IG Metall sind empört über die Spaltung in Ost und West 20 Jahre nach dem Mauerfall. Wir haben wieder eine Zweiklassenbelegschaft, zürnt Betriebsratschef Michael Wobst. Diese Trennung schien in Hennigsdorf seit 1997 überwunden. AEG-Geschäftsführung und Betriebsrat hatten einen Interessenausgleich geschlossen, der einen einheitlichen Lohn und eine 36-Stunden-Woche für alle vorsah.
Daran sieht sich die Geschäftsführung von Bombardier nicht mehr gebunden. Sie nahm das Ende einer 2003 geschlossenen Betriebsvereinbarung zum Anlass, die den Standort in auftragsschwachen Jahren retten sollte. Die Belegschaft hatte seither auf bis zu zehn Prozent Lohn verzichtet. Mit dem Auslaufen dieser Regelung Ende 2009 ist der Flächentarifvertrag wieder gültig, erklärt Bombardier-Sprecher Heiner Spannuth. Dies betreffe auch die 38-Stunden-Woche. Es sei denn, der Mitarbeiter habe einen abweichenden Vertrag.
Betriebsrat und IG Metall halten diese Maßnahmen für rechtswidrig. Die Gewerkschaft bietet ihren Mitgliedern Beratung an und empfiehlt den Gang vor Gericht. Aus Sicht des Tarifrechtlers Frank Bayreuther von der Freien Universität Berlin ist zumindest für Neueingestellte die Erhöhung der Arbeitszeit fragwürdig. Die juristische Prüfung sei aber nicht einfach.
Wir sehen im Vorgehen des Unternehmens eine Störung des sozialen Friedens im Betrieb, so Bernd Thiele, Chef der IG-Metall-Verwaltungsstelle Oranienburg. Die Standortleitung schüre Unruhe, indem sie mit einer Verlagerung in die nicht ausgelasteten Werke Aachen und Görlitz drohe. Ein Ausspielen der Standorte gegeneinander will die Gewerkschaft nicht akzeptieren.
Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) bedauert den Streit bei Bombardier. Er hätte es am liebsten gesehen, wenn Betriebsrat und Geschäftsführung sich auf eine Fortsetzung des Standortsicherungsvertrags mit neuen Bedingungen geeinigt hätten. Wir hoffen, dass es zu einem Kompromiss kommt, so Christoffers. Das Ministerium werde alles tun, um den Standort für die Bahntechnik zu erhalten. (Von Ulrich Bergt und Ulrich Nettelstroth)
(Quelle: ub - Märkische Allgemeine vom 09.01.2010)
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